Auferstehungsgeschichten

Auferstehungsgeschichten sind bereits während der Passionszeit in der Offenen Kirche zu finden. Die Bilder von Heide Lethaus halten die Spannung zwischen Leiden und Tod und der Befreiung zum Leben aus.

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Auferstehung in späten prophetischen Worten des Volkes Israel:

Die ganz alten Texte im Alten Testament formulieren keine Auferstehungshoffnung. Vielmehr ist Ziel eines frommen Lebens, alt und lebenssatt zu sterben. Für die Toten ist Gott nicht zuständig (Jes 38,18, Ps 88,11), sondern Gott ist zunächst (nur) Garant dafür, dass der Segen Abrahams, die Lebenskraft Israels, von Generation zu Generation weiter gegeben wird und es den Kindern und Enkeln wohl ergehen werde.

Aber immer wieder verheerten die Großmächte das Land Israel und ganze Städte und Heere wurden ausradiert. Die Hoffnung, alt und lebenssatt zu sterben und die Kinder und Enkel als Teil des gesegnetes Israel zu wissen, wurde immer wieder enttäuscht. Das Volk lag erschlagen auf den Schlachtfeldern der Weltgeschichte. Aber um gegen die Resignation anzukämpfen, entwickelten sich die großen Visionen von der Wiederherstellung Israels als Auferstehung der Toten:

 

Deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Toten herausgeben. (Jes 26,19)

 

1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine.

2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, daß diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!

5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, [a] ich will Odem in euch bringen, daß ihr wieder lebendig werdet.

6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, daß [a] ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, daß ich der HERR bin.

7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein.

8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf, und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, daß sie wieder lebendig werden!

10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.

12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.

13 Und ihr sollt erfahren, daß ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.

14 Und ich will meinen Odem in euch geben, daß ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, daß ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR. (Ezechiel/Hesekiel 37)

 

Das ist eine drastische Vorstellung. Die Elemente, die zu den damals zum lebenden Menschen gehört haben, werden sich wieder zusammenfügen, und die Menschen werden auferstehen, uns so sein, wie sie damals gelebt haben. Ich selber bewundere diese kühne Vorstellung: Sie setzt der Tatsache, dass alles zerstört und tot ist, das stärkste Bild entgegen: dass Gott alles wieder zusammenfügen wird und alles wiederbringen wird. Ich selber kann dem nicht ganz folgen und möchte ergänzen, Gott wird alles auf seine Weise wiederbringen wird, nicht so, wie wir uns das hier auf Erden vorstellen können oder nicht vorstellen können.

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Auferstehungshoffnung bei Johannes

Johannes macht vielleicht das größte Geheimnis aus der Auferstehung unter den Evangelisten, zunächst ist nur einfach das Grab leer, das kann vieles bedeuten. Die beiden Jünger gehen wieder fort, nur Maria bleibt am Grab. Ein Engel erscheint ihr und sagt, was sie kaum verstehen kann. Dann erscheint eine Person, die Maria nicht erkennen kann. Und schließlich darf sie den Auferstandenen nicht anfassen.

Auch alle anderen Beschreibungen des Auferstandenen im Johannesevangelium sind aus einem gewissen Zwielicht heraus geschildert, der Evangelist erklärt nicht alles, sondern lässt es zu, dass es für uns Menschen nicht fassbar bleibt, wenn Gottes Reich in der Welt durchschimmert.

1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, daß der Stein vom Grab weg war.

2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, [a] den Jesus liebhatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

3 Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie kamen zum Grab.

4 Es liefen aber die zwei miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab,

5 schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein.

6 Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen,

7 aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.

8 Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.

9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, daß er von den Toten auferstehen müßte.

10 Da gingen die Jünger wieder heim.

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab

12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist.

15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.

(Joh 20,1-17, vergleiche auch die weiteren Geschichten in Joh 20 und 21)


Auferstehung beim Evangelisten Markus:

Markus behandelt die Auferstehung mit großer Vorsicht und Zurückhaltung, er erlaubt sich nicht, seine eigenen Vorstellungen in die Geschichte einzutragen. Das Evangelium endete ursprünglich mit Mk 16,8, die Frauen sahen am Grab lediglich einen Engel, der sagt:

 

6 Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen (wörtlich: dort wird er euch erscheinen), wie er euch gesagt hat. (Mk 16,6f.)

 

Die Art der Erscheinung des Auferstandenen wird nicht näher bestimmt. Gottes auferweckendes Handeln wird nicht auf eine bestimmte, zeitlich bedingte, menschliche Vorstellung festgelegt.

 

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Auferstehungsvorstellung bei Lukas

 

Lukas ist der von den Evangelisten, der das geringste Geheimnis um die Auferstehung macht. Jesus ist in seinem Körper auferstanden, der Körper ist so wie er am Kreuz gehangen hat, mit den Wundmalen versehen. Die Jünger können ihn Anfassen, mit ihm Reden und Jesus zeigt, indem er etwas isst, dass er ganz irdisch auferstanden ist.

 

36 Als die Jünger aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!

37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.

38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Faßt mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, daß ich sie habe.

40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. [a]

41 Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?

42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. [a]

43 Und er nahm's und aß vor ihnen.

 

Um zu erklären, warum Jesus irgendwann aufgehört hat, auf der Erde zu wandeln, erzählt Lukas die Geschichte mit der Himmelfahrt. 40 Tage weilte Jesus bei den Jüngern und lehrte alles. Nach 40 Tagen wurde er vor ihren Augen in einer Wolke aufgenommen und fuhr in den Himmel.

Lukas bleibt konsequent bei seinem Weltbild, das legt aber auch nahe, dass es im Himmelreich Menschen in irdischer Gestalt geben wird. Dem aber wiederspricht Paulus.

 

 


Die Auferstehungsvorstellung beim Apostel Paulus

 

Die älteste Ostergeschichte findet sich im 1. Korintherbrief Kapitel 15. Paulus zitiert dabei zunächst eine ältere Tradition, in der die Osterereignisse summarisch verkürzt aufgeführt werden. Dann fügt Paulus sein Ostererlebnis hinzu.

3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;

4 und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

5 und daß er gesehen worden ist von Kephas (sc. Petrus), danach von den Zwölfen.

6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.

7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

 

Paulus benutz das Wort „gesehen worden“, das genauer mit „erscheinen“ zu übersetzten ist. Das Wort „Erscheinen“ versteht Paulus im Sinne einer Vision des Auferstandenen. Paulus hat Christus nicht in einem wiederbelebten (irdischen) Körper gesehen, sondern er hat eine Vision. Auferstehung heißt für Paulus darum nicht, dass es eine materielle Auferstehung gibt und dass der Auferstandene ganz irdisch auf der Welt umherwandelt. Sondern Christus ist ihm in einer Erscheinung offenbart worden. Etwas später im Brief benutz Paulus die Worte „Geistleib und Herrlichkeitsleib“, um zu beschreiben, wie er sich die Auferstehung vorstellt. (1.Kor 15):

 

40 Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen.

41 Einen andern Glanz hat die Sonne, einen andern Glanz hat der Mond, einen andern Glanz haben die Sterne; denn ein Stern unterscheidet sich vom andern durch seinen Glanz.

42 So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.

43 Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft.

44 Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.

 

Paulus empfängt seine Hoffnung, dass wir Menschen auferweckt werden, aus dem Glauben an die Auferweckung Jesu Christi. Christus ist der erste, der Auferstanden ist und so wie er auferstanden ist, werden auch wir auferweckt werden (vgl. weiter 1. Kor 15, 1. Thessalonicher 4 und Philipper 3,21)

Paulus unterscheidet Fleisch und Leib, das Fleisch wird vergehen, der Leib, und damit meint er die gesamte leib-seelische Identität des Menschen, wird verwandelt werden und verherrlicht werden. Meine Identität und die Identität aller wird mit einem unvergänglichen göttlichen Wesen überkleidet werden und dann wird Gott sein alles in allem (1.Kor 15,28).

 

Zusammengestellt und eingeführt von Mathias Kaiser, Pfarrer in Berlin-Frohnau

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Die Auferstehungsvorstellung beim Apostel Paulus

 

Die älteste Ostergeschichte findet sich im 1. Korintherbrief Kapitel 15. Paulus zitiert dabei zunächst eine ältere Tradition, in der die Osterereignisse summarisch verkürzt aufgeführt werden. Dann fügt Paulus sein Ostererlebnis hinzu.

3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift;

4 und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;

5 und daß er gesehen worden ist von Kephas (sc. Petrus), danach von den Zwölfen.

6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.

7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.

8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

 

Paulus benutz das Wort „gesehen worden“, das genauer mit „erscheinen“ zu übersetzten ist. Das Wort „Erscheinen“ versteht Paulus im Sinne einer Vision des Auferstandenen. Paulus hat Christus nicht in einem wiederbelebten (irdischen) Körper gesehen, sondern er hat eine Vision. Auferstehung heißt für Paulus darum nicht, dass es eine materielle Auferstehung gibt und dass der Auferstandene ganz irdisch auf der Welt umherwandelt. Sondern Christus ist ihm in einer Erscheinung offenbart worden. Etwas später im Brief benutz Paulus die Worte „Geistleib und Herrlichkeitsleib“, um zu beschreiben, wie er sich die Auferstehung vorstellt. (1.Kor 15):

 

40 Und es gibt himmlische Körper und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen.

41 Einen andern Glanz hat die Sonne, einen andern Glanz hat der Mond, einen andern Glanz haben die Sterne; denn ein Stern unterscheidet sich vom andern durch seinen Glanz.

42 So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.

43 Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft.

44 Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.

 

Paulus empfängt seine Hoffnung, dass wir Menschen auferweckt werden, aus dem Glauben an die Auferweckung Jesu Christi. Christus ist der erste, der Auferstanden ist und so wie er auferstanden ist, werden auch wir auferweckt werden ( vgl. weiter 1. Kor 15, 1. Thessalonicher 4 und Philipper 3,21)

Paulus unterscheidet Fleisch und Leib, das Fleisch wird vergehen, der Leib, und damit meint er die gesamte leib-seelische Identität des Menschen, wird verwandelt werden und verherrlicht werden. Meine Identität und die Identität aller wird mit einem unvergänglichen göttlichen Wesen überkleidet werden und dann wird Gott sein alles in allem (1.Kor 15,28).

 

Die Tür muss doch verschlossen bleiben - Eine Ostergeschichte

 

Die Sonne brannte erbarmungslos auf die staubige Dorfstraße. Der Ort lag wie ausgestorben. Der Postbeamte schloss die Amtsstube. Seitdem es die Post gab, hatte das Dorf einen Zugang zur Welt. Alle wichtigen Geschäfte wurden nun in der Amtsstube abgewickelt. Das kleine Eckhaus wurde zum wichtigsten Ort des Dorfes.  Und er, der Postbeamte, war der Hüter der Ordnung. Um sie zu wahren, wurden ihm klare Vorschriften auferlegt. Er hatte die Geldbeträge zwei mal zu zählen und doppelt zu vermerken, den Schlüssel zum Tresor hatte er immer mit sich zu führen. Den Eingang und Ausgang der wichtigen Korrespondenz hatte er zu quittieren. Pünktlich und sorgfältig hatte er die Amtsstube zu schließen. Die Ordnung allen Postverkehrs, die Ordnung allen Zahlungsverehrs, die Ordnung des Dorfes und der Welt hängt von ihm ab, vom Postbeamten. Nie würde er seine Pflicht verletzten und etwa zu spät offnen oder schließen. Denn wenn er gegen die Vorschriften verstieße, dann würde er selbst in Haftung genommen werden.

Er hatte gerade laut scheppernd das Gitter vor der Tür heruntergelassen, die Tür von innen verriegelt und zwei mal den Schlüssel herumgedreht, als er durch das Fenster blickte. Dort hinten, am Ende der Dorfstraße, war durch die flimmernde Luft eine Gestalt zu erkennen. Wer geht denn bei der Hitze freiwillig auf die Straße?! Er schloss das Fenster und begann die Bücher zu führen. Dann hob er erneut seinen Blick. Die Gestalt war nun deutlicher zu erkennen, es war die Alte des Dorfes. Er arbeitete weiter, füllte Listen und Formulare aus und blickte wieder aus dem Fenster. Die Alte kam mit schweren, eisernen Schritten die Dorfstraße entlang, mit ihrem Stock stach sie in den heißen Sand. Ihr Kopftuch verschattete das Gesicht. Er schloss die Bücher und verstaute sie in der Schublade. Die Alte hatte etwas in der Hand. Der Weg viel ihr schwer. Jedem wäre das heute schwer gefallen, und dann in ihrem Alter! Ein Brief! Sie hatte einen Brief in der Hand! Aber die Post war geschlossen! Das wusste sie doch, warum tut sie sich diesen Weg an – und mir. Die Post ist geschlossen, ich darf ihr den Eingang nicht quittieren. Ja, es war ein Brief und sie kam auf die Post zu und erreichte die Treppe. Sie zog sich die drei Stufen empor, hielt sich mit der einen Hand am Gitter fest, um mit der anderen durch das Gitter zu fahren. Sie klopfte. Sie weiß doch, dass ich nicht öffnen kann, das ist Vorschrift!  Warum tut sie sich und mir das an? Da klopfte sie wieder. Aber geh doch! Die Tür, die darf nicht geöffnet werden! Die Tür bleibt zu! Ich kann den Brief nicht entgegennehmen. Sie muss wieder gehen, sie muss morgen wieder kommen. Sie aber klopfte.

Da nahm er einen Stuhl und trug ihn quer durch den Raum. Die Alte klopfte wieder. Er stellte den Stuhl vor dem Fenster ab und dann öffnete das Fenster. Er ging wieder zurück durch die Amtsstube und nahm einen zweiten Stuhl, trug ihn zum Fenster, stieg mit dem zweiten Stuhl in der Hand auf den ersten Stuhl und beugte sich über die Fensterbank. Er stellte den zweiten Stuhl unten im Sand der Dorfstraße ab, dicht an der Hauswand. Dann stieg er auf die Fensterbank, ließ seine Beine hinübergleiten, ließ sich hinab auf den Stuhl und stieg vom Stuhl auf die Dorfstraße, ging zur Tür, nahm von der Alten den Brief entgegen, ging zurück zum Stuhl an der Hauswand, stieg auf den Stuhl, ging über die Fensterbank, über den anderen Stuhl in den Innenraum, nahm ein Formular, füllte es aus, drückte den Stempel aufs vorgesehene Feld, nahm das Formular, ging über den Stuhl, über die Fensterbank, auf den zweiten Stuhl, wieder nach draußen, gab der Alten das Formular, ging dann wieder über den äußeren Stuhl auf die Fensterbank, zog den Stuhl nach oben, schwang sich über die Fensterbank, stellte die Stühle beiseite und schloss das Fenster.

 

Die Geschichte wurde vor einigen Jahren an einem Ostersonntag im Radio ausgestrahlt.

Ich kenne leider weder Titel noch Autor.

Für die Offene Johanneskirche habe ich die Geschichte nacherzählt.

 Mathias Kaiser


Das Leben geht weiter

Ich komme eben aus dem Krankenhaus, wo ich meinen in Lebensgefahr schwebenden Mann zurückgelassen habe. Ich betrete die leere Wohnung, in der mich Dunkelheit und eine beängstigende Stille empfangen. Ich finde mich nur mit Mühe zurecht in meinen eigenen vier Wänden. Alles ist mir vertraut und doch fremd. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Dabei habe ich einige ganz wichtige Telefonate zu tätigen und Post zu erledigen. Ich bin aber unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn etwas zu tun. Bin wie gelähmt. Ich laufe sinn- und ziellos durch die Wohnung und suche nach irgendetwas, ich weiß selbst nicht, wonach. Wenn ich doch mit jemandem sprechen könnte! Ich tappe zum Telefon und nehme den Hörer ab. Wen soll ich nur anrufen? Eigentlich kann mir ja doch niemand helfen. Die haben ja alle zu tun. Ich wähle die Nummer einer Freundin. Freizeichen. Ich lasse es zweimal, dreimal, … siebenmal läuten. Niemand meldet sich. Ich probiere eine zweite Nummer. Ebenfalls ohne eine Antwort zu hören. Noch ein dritter Versuch bei einer Kollegin. Es hat keinen Sinn. Keiner ist zu Hause. Keiner ist für mich da. Ich bin allein in meiner totalen Hilflosigkeit.

Da plötzlich klingelt es an der Haustür. Ich schrecke zusammen und kriege regelrecht Angst, mein Herz fängt wie wild an zu klopfen, aber ich greife zum Schlüssel und tappe die Treppe runter, schließe auf und öffne die Tür. Und dann: Ich glaube, ich träume. Vor mir steht eine ganz liebe ehemalige Schülerin, strahlt mich an und sagt: „Ich habe Ihr Auto vor der Tür stehen gesehen und mir gesagt: Klingele mal. Ihr Mann ist doch so krank, vielleicht brauchen Sie mich. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ Ich fange an zu heulen, umarme sie und sage: „Dich schickt mir der Himmel! Komm rein! Wir trinken einen Tee zusammen.“

Ist das wirklich alles?

Unser Hauswirt, ein biederer Handwerksmeister, war gestorben. Seine Frau teilte uns mit, dass die Trauerfeier im Krematorium stattfinden würde. Mich befiel bei dieser Mitteilung ein leises Unbehagen. Vielleicht kam es daher, weil ich bis dahin ausschließlich kirchliche Beerdigungen auf dem Friedhof miterlebt hatte.

Der Tag kam. Eine kleine Gruppe von Trauergästen fand sich in der kalten, ungemütlichen, nüchternen Halle des Krematoriums ein. Es waren etwa 25 Personen. Der Sarg, der mit Herbstblumen aus dem Garten des Verstorbenen geschmückt war, stand auf einer Art Bühne vor einer zweiflügeligen hohen geschlossenen Tür.

Die Trauerfeier begann mit dem von einem Posaunisten geblasenen Lied „Ich hat‘ einen Kameraden“. Diese Melodie, die sehr langsam und getragen gespielt wurde, stimmte rührselig und drückte auf die Tränendrüsen. Dann folgte eine Ansprache von einem Redner, ich weiß nicht, welcher Herkunft und aus welcher Weltanschauung er kam. Eben ein Redner. Was er übermittelt hat, weiß ich nicht mehr wirklich. Irgendetwas über die Vergänglichkeit in der Natur bei Menschen, Tieren und Pflanzen. Und das war es.

Ich war völlig verwirrt. Diese Ansprache war total nichtssagend und inhaltslos. Sie passte überall und nirgendwo hin. In mir breitet sich eine beängstigende Leere aus. Und dann kam der Augenblick, in dem sich die Flügeltür öffnete und der Sarg, wie von Geisterhand, durch die Öffnung im Dunkel verschwand. Schrecklich! Das war‘s nun. Das kann doch nicht alles sein! Die Trauergäste erhoben sich und verließen still den Raum. Ich war selten in meinem Leben so betreten und verunsichert, voller Unbehagen und einer unbestimmten Angst. Das kann es doch nicht gewesen sein!

Ich brauchte jetzt dringend das Vaterunser von Anfang bis zur letzten Zeile: Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.