Veröffentlicht am So., 13. Sep. 2015 19:20 Uhr

Über den Zaun der Geschichte

Der Besuch bei Else Gaede beginnt mit einer Ungehörigkeit. Das Gartentor ist verschlossen. Frau Gaede ist 97 und schlecht zu Fuß. Wir winken uns. Aber das Tor ist zu! Ermutigt durch Frau Budenberg aus unserer Gemeinde, klettere ich über den Zaun. „Das ging früher auch mal gelenkiger“, denke ich noch, und „hoffentlich sieht mich niemand.“ Die beiden Damen lachen: „Das haben wir früher öfter gemacht.“ Das Eis ist gebrochen.

Als wir dann in der Stube sitzen, wird mir erst klar, wie symbolisch der Zaunsprung war. Wir wollen über die Geschichte reden. Wie war es vor 70 Jahren hier in Frohnau? „Wir fangen ja jetzt erst an, so richtig über unsere Kindheit zu sprechen“, sagt Erika Budenberg und beschreibt damit recht treffend den überwundenen Zaun. Else Gaede fängt an zu erzählen: „Die Geschichte beginnt ja viel früher. Während des Krieges waren die Männer und Frauen der Bekennenden Kirche untereinander vernetzt. In Hermsdorf war mein Traumpfarrer Gerhard Ebeling. Er hielt in einer Privatwohnung im Waldseeweg Gottesdienst. In Glienicke war Vikar Schrader, alles BK-Leute. Bis Ostern 45 waren die meisten ziemlich braun in der Kirche. Dann sprachen plötzlich alle über Niemöller.“

Zum Hintergrund: Die evangelische Kirche war gespalten in der Zeit des Nationalsozialismus. Gegen die weitgehend gleichgeschaltete Kirchenverwaltung hatte sich „illegal“ die Gruppe der Bekennenden Kirche gesammelt mit einer eigenen Ausbildung. Zu den führenden Köpfen gehörte Pastor Martin Niemöller, der eine entscheidende Persönlichkeit der Kirche für die Zeit nach dem Krieg wurde.

„Aber, wie war es hier in Frohnau, als die Sowjetarmee einrückte?“, frage ich. Else Gaede erzählt: „Die russische Armee lagerte hinten am Forstweg und sie besetzte die Kirche. Sie war Lagerraum. Die Soldaten haben darin geschlafen. Ich entsinne mich noch, wie der ganze Vorraum voller Uniformen lag. Beim Einmarsch saßen wir dicht gedrängt im Keller hier in diesem Haus. Als ein Soldat erschien, sagte jemand: „Erschießen sie uns, aber nicht die Kinder.“ Der Soldat ging, kam aber wieder und wies auf ein Schild am Eingang. Darauf stand: „Grüss’ Gott, tritt ein, wollen traurig und fröhlich mit dir sein.“ Dazu sagte der Soldat: „Du deutsche Kirche? Dann gut!“  und verließ den Keller. Frau Gaede hatte Glück gehabt. „Mein Leben besteht aus lauter Wundern“, sagt sie und lächelt. Zu dem, was die Soldaten vor allem den Frauen in den ersten Tagen der Besetzung antaten, sagt sie entschlossen: „Das waren doch arme Kerle, genau wie die Deutschen. Arm und verblendet durch eine Ideologie.“

In dieser Situation sollte die Gemeinde Halt bieten. Davon war auch Erna Obermeit überzeugt. Sie war Gemeindehelferin in Frohnau und sammelte die Gemeinde. Denn ein Jahr vor Kriegsende war Pfarrer Tönnjes verstorben und Pfarrer Karzig war noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Als die Rote Armee die Räume der Johanneskirche verlassen hatte, war dies die Stunde der Frauen. Frau Obermeit organisierte das Gemeindeleben. Sie hatte Else Gaede bei den Gottesdiensten von Gerhard Ebeling kennengelernt und rief sie nun nach Frohnau: „Kommen Sie, helfen Sie mir, Sie können singen.“

Else Gaede war indessen einem Aufruf Bischof Dibelius’ gefolgt, an die Schulen zu gehen, um dort zu unterrichten. So hatte sie an der 18. Volksschule, der heutigen Victor-Gollancz-Schule, begonnen, Religion mit Geschichten und Liedern zu unterrichten. Beides kam nun zusammen - die Schüler und Gemeindejugend. So entstand der Jugendchor im Frühjahr 1945. Die Kinder und Jugendlichen waren arm. Die Väter waren meist im Krieg gefallen, und es fehlte das Nötigste, um zu Überleben. „Das Singen gab eine Gemeinschaft für eine väterlose Generation“, sagt Erika Budenberg rückblickend, die zu den Chorsängern der ersten Stunde gehört. Und Else Gaede ergänzt: „Diese Aufgabe hat mir das Leben gerettet.“

Geprobt wurde immer am Samstagabend um 18 Uhr. Das Singen im Gottesdienst war fester Bestandteil. Zum Repertoire gehörten „für jede Lebenslage ein Kanon“, Choräle, aber auch größere Werke wie die Lukaspassion von Otto Rietmüller. Zum Schluss der Proben wurde immer gesungen „Du Schöpfer aller Wesen“. Frau Gaede und Frau Budenberg rezitieren beim Abschied: „Du Schöpfer aller Wesen, du Lenker aller Zeit, die Woche, die gewesen, kehrt heim zur Ewigkeit. Anbetend, Herr, wir singen das Lied der Ewigkeit, zu dir zurück wir bringen die anvertraute Zeit.“

Mit dieser Sicht auf die Zeit ist kein Zaun der Geschichte mehr, den es zu überwinden gilt. Denn es ist Gottes Zeit, so schwer sie auch war. Dankbar über diese Erzählungen an diesem Vormittag, nehme ich Abschied. Der Weg geht nun durch das offene Gartentor. Damals war hier der russische Soldat hereingestürmt. Bei einem Blick zurück sehe ich die Tafel über der Tür, die der Familie das Leben rettete: „Du deutsche Kirche? Dann gut.“

Ulrich Schöntube

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