Veröffentlicht am Mi., 23. Sep. 2015 15:47 Uhr

Die Hände Gamurrinis zitterten. In Händen hielt er eine alte Handschrift aus dem 11. Jahrhundert. Der Text mochte viel älter sein. Er war Gelehrter. Viele Handschriften hatte er schon in den Händen gehabt. Aber das hier - war etwas Besonderes. Die Schwestern der Marienschwesternschaft hatten ihn in ihrer Bibliothek stöbern lassen. Ganz alleine. „Dahinten liegen noch alte Rollen aus dem Kloster Monte Cassino“, hatte die Schwester gesagt. Und da fand er die Pergament-Seiten. Gamurrini schob sich die Petroleumlampe zurecht und begann zu lesen.

Der Text stammte von einer Frau, Egeria. Sie war im 4. Jahrhundert ins Heilige Land gepilgert. Das war ungewöhnlich. Aber ihn schauderte etwas anderes. Egeria berichtete von einer Messe, die sie in der Anastasis erlebte, der Grabeskirche in Jerusalem. Er las: „In der zehnten Stunde versammelt sich alles Volk in den Anastasis. In der Mitte ist eine Höhle, in der Tag und Nacht ein Licht brennt. Dann wird das Licht aus der Höhle gebracht. Davor steht der Bischof und einer der Dikakone gedenkt der Namen von Gemeindegliedern und die vielen kleinen Jungen antworten mit unzähligen Stimmen: Kyrie eleison, oder wie wir sagen „Miserere Domine“. Gamurrini schob die Lampe beiseite. Er kannte den Wechselruf: Kyrie Eleison – Herr erbarme dich! Sollte er so alt sein, dass ihn schon die ersten Christen sangen in der Fürbitte?

Natürlich wusste Gamurrini, dass der griechische Ruf im Neuen Testament bei einigen Heilungsgeschichten Jesus galt (Mt 15,22; Mk 9,22, Lk 17,13). Er wusste auch um die verschiedenen kunstvollen Vertonungen des Mittelalters. Er wusste auch, dass der Ruf als einziges festes Element in der Passionszeit bleibt und daher auch einen Bußcharakter hat.

Und dennoch: So bekannt und vertraut der Ruf auch ist – er ist so alt wie die Christen. Sie rufen ihn in der Fürbitte und am Anfang des Gottesdienstes. Der Ort macht Sinn. Man muss klarstellen, welcher Herr angerufen wird, weil doch so viele Herrn der Welt regieren und Wohlfahrt versprechen. – Das ließ den Gelehrten Gamurrini erschauern zwischen den Regalen im Schein der Petroleumlampe.

Man schrieb übrigens das Jahr 1888, als er den Pilgerbericht entdeckte. Das ist lange her! Aber nach zwei Diktaturen in unserem Land haben wir wohl auch allen Grund, den Herrn der Herren am Anfang des Gottesdienstes anzurufen.

Ulrich Schöntube & Jörg Walter

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