Veröffentlicht am Do., 5. Nov. 2015 17:03 Uhr

Zweifeln und skeptisch sein gehören irgendwie zusammen. Im Zweifel versteckt sich etymologisch "das zweimal Gefaltete" im Gegensatz zur Einfalt, zum Einfältigen, der lediglich einmal gefaltet ist.In der Skepsis verbirgt sich, aus dem Griechischen kommend, das Umherschauen, das kritische Spähen.

Wer skeptisch ist und zweifelt, der ist noch nicht fertig, der ist offen, der ist noch nicht festgelegt. Der skeptische Zweifler schaut umher, sammelt Möglichkeiten und probiert sich im Perspektivenwechsel. Der zweifelnde Skeptiker bewegt sich mitunter am Rande der Gemeinschaft. Er blickt hinaus in die bunte und fröhliche Vielfältigkeit, die er sich für sich selbst und für die Gemeinschaft, an deren Rand er hin und her geht, wünscht. Mir sind die Nichtfertigen, die Schwankenden, die Nach-Denkenden allemal lieber als die, die gewiss sind. Manchmal sind mir die Fertigen nicht geheuer, weil sie hier und dort an den Stellen polarisieren, an denen ein unfertiges Erwägen förderlicher wäre; denn dadurch ergeben sich mehr Möglichkeiten. Die gewisse und selbstgewisse Rechtgläubigkeit kann sich ermüdend auswirken, dass die Leute drumherum anfangen, vor Langeweile zu gähnen.

Der Monatsspruch der Herrnhuter Brüdergemeine schiebt uns mit seinem Imperativ aufeinander zu: Erbarmt euch! Wer sich erbarmt - das lernten wir von dem Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat -, steht und geht, hält inne und wandert mit dem weiter, der sucht. Wir verlieren einander nicht aus den Augen und wir fördern den zweifelnden Skeptiker. Wir laden uns gegenseitig dazu ein, viele Denkschritte miteinander zu gehen, ehe wir uns festlegen - wenn überhaupt.

Der Judasbrief prangert Zustände an, wie sie finsterer nicht sein können. Leute, die quer dahergekommen sind, "weiden sich selbst", sind "wie Wolken ohne Wasser", "wie Bäume ohne Früchte, zweifach abgestorben und entwurzelt", "wie Irrsterne und Ewigmurrende", denn sie "verleugnen unseren Herrn Jesus Christus".

Als ich bei der Lektüre des Judasbriefes an diese Zeilen geriet, schauderte es mich ob des brachialen Schreibstiles dieses Kurzbriefes. Dennoch war ich gleichzeitig erleichtert. Denn solch´ unglaubliche Zustände wie sie der Judasbrief geißelt, gibt’s bei uns nicht.

Wir haben es nicht zu tun mit Leuten, die "sich selbst weiden","hochfahrende Worte" daherreden und einflussreiche Leute hofieren, "um des eigenen Vorteiles willen". Ja, und dann rufen sie auch noch "Spaltungen" hervor. Das alles gibt´s bei uns nicht.

Wir können uns ruhig und gelassen zurücklehnen und uns den Imperativ des Monatsspruches gefallen lassen: Geht behutsam miteinander um. Gebt euch gegenseitig weite Denkräume, in welchen alles zu denken möglich ist. Unter uns und mit uns leben der Einmalgefaltete, der Einfältige und der Mehrfachgefaltete, der zweifelnde Skeptiker. Wir ergänzen uns und erkennen den anderen als Bereicherung gerade deshalb, weil er anders ist als wir. Ich muss mich nicht nur mit jenen verbinden, die so sind wie ich; das wäre ja auch gähnend langweilig. Ich verlasse "meine Kreise", trete heraus, suche Neues, Anderes, Fremdes, Ungewohntes. Ich spähe umher, betrachte und schaue, ob es nicht etwaum mich, um uns herum Interessanteres als mich, als uns gibt. Die zweifelnden Skeptiker und die skeptischen Zweifler holen möglicherweise aus anderen Denk-Räumen und Gegenden Dinge herbei, die unser Miteinander noch bunter, noch fröhlicher machen. Ich bin gespannt auf die, die von außen zu uns kommen. Sie bringen Neues, Fremdes mit, was uns bereichert. Und sie? Die Fremden kommen skeptisch und leben im Zweifel. "Seid für diejenigen da, die zweifeln."

Jürgen Koitzsch

Pfarrer Haus Friedenshöhe und Vorsitzender des Gemeindebeirats

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